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Ein Mensch, eine Nummer - und viele Wege

Das Enum-Protokoll soll dem lansam voranschreitenden Zusammenwachsen von Internet und Telefonnetz den entscheidenden Impuls verpassen. Doch die Profitgier einzelner Firmen droht das
ambitionierte Projekt zu blockieren.

Von Marc Holitscher (07.02.2001)

Geht es nach den Vorstellungen der Enum-Entwickler, so sind die Tage der mit E-Mail-Adresse, Pager-, Fax- und Handynummern übersäten Visitenkarten gezählt. Schon bald soll nämlich jedes dieser
Medien anhand einer einzigen, konventionellen Telefonnummer direkt übers Internet angesteuert werden können. Dem Empfänger einer Nachricht erlaubt Enum, genau zu definieren, auf welchem Weg ihn
die vermittelten Informationen erreichen sollen. Der Einsatz von Enum bietet viele neue Möglichkeiten, zum Beispiel für Unternehmen mit internetbasierten Kommunikationssystemen. Jedes Mal, wenn ein
Mitarbeiter eine Telefonnummer wählt, überprüft Enum automatisch, ob der Angerufene ebenfalls ein internetfähiges Telefon besitzt. Falls dem so ist, könnte das gesamte Gespräch über den Cyberspace
ablaufen. Die anfallenden Kosten würden in diesem Fall zum Lokaltarif berechnet, auch wenn die Verbindung um die halbe Welt ginge.

Das Enum-Protokoll ist das Werk der Internet Engineering Task Force (IETF), der Standardisierungsorganisation für das Internet. Da die Administration der weltweit verfügbaren Telefonnummern von der
International Telecommunications Union (ITU) koordiniert wird, arbeitet diese bei der anstehenden Implementation von Enum eng mit der IETF zusammen. Die Institutionen konzentrieren sich auf die
Schaffung einer griffigen Verwaltungsstruktur für das globale Enum-System. Geplant ist, dass die Verantwortung für die Registration von Telefonnummern als Enum-Einträge entsprechend den jeweiligen
Ländercodes (wie +41 für die Schweiz) auf die einzelnen Staaten verteilt wird. Die Länder können dann wiederum die Firmen bestimmen, welche künftig Enum-Registrationen kommerziell anbieten dürfen.

Ein Konsortium will Enum auf dem Schleichweg einführen

Doch während die ITU über möglichst einheitlichen Registrierungsmodellen brütet, peilen bereits erste Firmen den potenziell milliardenschweren Enum-Markt an. Prominentestes Beispiel ist das
US-Konsortium Verisign/Telcordia, das Anfang Dezember sein Enum-World-Project gestartet hat - sehr zum Missfallen von ITU/IETF. Inzwischen bieten die Partner auf ihrer Webseite www.enumworld.com
die Registrationen von Enum-Einträgen an. Vorerst nur zu Testzwecken. Dennoch steht dieser Alleingang in krassem Gegensatz zum Vorgehen der ITU, die im Bewusstsein der diffizilen Enum-Architektur
die länderübergreifende Abstimmung der Enum-Implementation zur obersten Priorität erklärt hat.

Das Motiv hinter dem Vorstoss von Verisign/Telcordia ist klar: Das Konsortium will sich einen Anwendungs- und Erfahrungsvorsprung verschaffen, wenn die ersten Enum-gestützten Applikationen erscheinen
oder Lizenzen für die kommerzielle Registrierung vergeben werden. Dass sie dadurch die Kompatibilität des gesamten Enum-Systems in Frage stellen, scheint in der Strategie der Firmen eine
untergeordnete Rolle zu spielen - bis jetzt zumindest. An zusätzlicher Brisanz gewinnt das Enum-World-Projekt durch den Umstand, dass die Verisign-Tochter Network Solutions Inc. bereits das Monopol
über die Registrierung von generischen Domainnamen (gTLDs) wie .com, .net und .org innehat. Nicht zu Unrecht befürchten nun einige Beobachter eine beunruhigende Marktkonzentration in den Händen
von Verisign/Telecordia, sollten diese auch bei Enum die Nase vorn haben.

Ob sich Enum im Alltag durchsetzen kann, ist unklar

Ob sich Enum durchsetzen und die endgültige Konvergenz von Telekommunikation und Internet einläuten wird, entscheiden aber - wie so oft - die Konsumenten. Ungeachtet der vielen Vorteile äussern
bereits verschiedene Gruppierungen ernste Zweifel am Konzept von Enum. Ist es tatsächlich wünschenswert, dass jede Person auf der ganzen Welt jederzeit über nur eine Nummer erreichbar ist? Wer
garantiert den ausreichenden Schutz der Privatsphäre oder verhindert die Überflutung mit Werbebotschaften, wie man das vom E-Mail-Spamming kennt? So gesehen könnte es Enum ähnlich ergehen wie
dem Wireless Application Protocol (WAP): Es ermöglicht in der Theorie zwar faszinierende Anwendungen, richtig brauchen kann diese im Alltag aber niemand.


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