Die Wahl in die umstrittene Gralshüterrunde des Internets
Der «Internet-Weltbehörde» Icann stehen stürmische Zeiten bevor. In der ersten weltweiten Wahl werden im Herbst fünf von 18 Mitgliedern des Direktoriums bestellt. Zudem steht mit der
Einführung von neuen Top-Level-Domains die Neuordnung des Internets bevor. Doch der Widerstand gegen die Arbeitsweise der stark von den USA beeinflussten Icann wächst.
Von Marc Holitscher (17.08.2000)
«Wir sind keine Regierung und wollen es auch nicht werden», beteuert Andrew McLaughlin, Chefberater der Icann. Tatsache ist aber, dass die Organisation mit Sitz in Kalifornien die Zukunft des Internets
beschliessen wird. Einen gewichtigen Einfluss haben dabei auch die knapp 160?000 Surfer, die bis zum 31. Juli Mitglied bei Icann geworden sind. Sie wollen diesen Herbst an der virtuellen Wahlurne über
die Besetzung des Führungsgremiums der internationalen Aufsichtsbehörde abstimmen.
Wichtigstes Kontrollinstrument von Icann ist der so genannte A-Root-Server, eine riesige Datenbank, welche die leicht zu merkenden Domainnamen (zum Beispiel www.internetstandard.ch) mit den eher
kryptischen IP-Nummern verknüpft (124.147.144.254). Nur wer über einen gültigen Eintrag in dieses zentrale Register verfügt, ist auf dem Internet überhaupt sichtbar. Die Datenbank kann relativ einfach
verändert, neue Eintragungen hinzugefügt oder bestehende gelöscht werden. Damit besitzt die Internet-Verwaltung also die Möglichkeit, über Sein oder Nichtsein auf dem globalen Informationshighway
zu entscheiden.
Im Zweifel für die Unternehmen
Entsprechend gross ist die Angst, dass diese exklusive Verfügungsgewalt über das Herzstück des Internets missbraucht werden könnte. Besonders die von Technikern und Industrievertretern dominierten
Unterorganisationen von Icann stehen im Verdacht, in erster Linie ihren Eigeninteressen verpflichtet zu sein. Die demokratisch gewählten Nutzervertreter sollen nun das notwendige Gegengewicht bilden.
«Es ist ein offenes Geheimnis», sagt McLaughlin, «dass einige Kräfte innerhalb von Icann über die Einbindung der globalen Internetgemeinde keineswegs glücklich sind.»
Nicht gerade Vertrauen fördernd ist vor diesem Hintergrund die an der letzten Vollversammlung beschlossene Massnahme, anstelle der ursprünglich geplanten neun Direktoren vorerst nur fünf direkt
wählen zu lassen ? je ein Repräsentant für jede Weltregion, von denen Europa eine ist. Anschliessend soll eine Evaluation der Wahl zeigen, ob die restlichen vier Netzbürger ebenfalls demokratisch
ernannt werden oder ob man ganz darauf verzichtet.
Dass Icann sehr wohl Internetpolitik betreibt, zeigt sich am Beispiel der Schlichtung von Streitigkeiten über Domainnamen mit den Endungen .com, .net oder .org. So ist es Julia Roberts nur unter Berufung
auf das von Icann eingeführte einheitliche Streitschlichtungsverfahren UDRP (Uniform Dispute Resolution Policy) gelungen, die einzigartige Internetadresse www.juliaroberts.com von einem übermütigen
Fan zurückzufordern. Hierfür musste die Schauspielerin einem akkreditierten Icann-Schiedsgericht beweisen, dass sie legitimen Anspruch auf den umstrittenen Domainnamen habe. Nach einer einfachen
Manipulation der Root-Server-Datenbank waren dann die virtuellen Besitzverhältnisse wieder zurechtgerückt.
Auf diese Weise will Icann aber nicht nur der grassierenden Spekulation mit Domainnamen, dem Cybersquatting, Abhilfe schaffen, sondern auch für mehr Rechtssicherheit im Internet sorgen. Eine klare
Kampfansage an die sagenumwobene Anarchie im Cyberspace. Bei näherer Betrachtung stimmt allerdings misstrauisch, dass die Mehrheit der bisherigen Streitfälle zu Gunsten der klagenden
Unternehmen ausgefallen ist. Diese wollen in erster Linie ihre eingetragenen Markennamen vor Missbrauch durch Dritte schützen. Privatpersonen hingegen, die unter Umständen schon seit Jahren im
Besitz der begehrten Adresse waren, haben in mehr als zwei Dritteln der Fälle den Kürzeren gezogen. Entsprechend treten jetzt Kritiker auf den Plan, die sich für eine grössere Chancengleicheit der
individuellen Domainbesitzer stark machen. «Das Streitschlichtungsverfahren bevorzugt kommerzielle Interessen und muss grundlegend überarbeitet werden», verlangte kürzlich der Internetjurist Peter
Toren in einem Interview mit der «New York Times».
Neue Top-Level-Domains
Kritiklos wird auch die geplante Einführung von zusätzlichen generischen Top-Level-Domains (gTLD) nicht über die Bühne gehen. Zur Auswahl stehen neue Endungen, beispielsweise .firm, .sucks oder
.web. Damit soll die rasant zunehmende Namenknappheit in po-pulären Domänen wie .com aufgefangen und für Wettbewerb zwischen den einzelnen Registrierungsstellen gesorgt werden. Denn alle
wissen: Eine griffige Internetadresse gehört zu den unabdingbaren Voraussetzungen für den erfolgreichen Start in den E-Commerce. Allerdings droht Icann auch hier in den Sog handfester
Interessenkonflikte zu geraten. «Technisch gesehen gibt es kein Argument gegen die schnelle Einführung einer grossen Zahl von neuen Top-Level-Domains», sagt Hans Klein, Vorsitzender der Computer
Professionals for Social Responsibility.
Dies sehen Markenschutzorganisationen und Euro-Ispa ? der europäische Dachverband der Internet Service Provider (ISP) ? allerdings anders: Während Erstere um die Verwässerung ihrer wohl
behüteten geistigen Eigentumsrechte bangen, fürchten die Provider mit dem erwarteten Ansturm auf mehrere gleichzeitig aufgeschaltete generische Top-Level-Domains nicht fertig zu werden. Dass die
Zahl der neuen Domains aber kaum in den Himmel wächst, dafür hat Icann im Vorfeld gesorgt: 50?000 Dollar muss à fonds perdu aufbringen, wer sich überhaupt um den Betrieb einer Registrierungsstelle
bewerben will.
Die US-Regierung mauert noch
Vor allem nicht kommerzielle Anbieter und solche aus Entwicklungsländern dürften mit dieser ersten Hürde ihre liebe Mühe haben. Zu Beginn des nächsten Jahres sollen die zusätzlichen Domains dann
definitiv im Root-Server eingetragen werden. Welche dies sind und wie viele, darüber kann man gegenwärtig nur spekulieren. Bislang ist es auch unklar, ob die weltweit gewählten fünf Direktoren bei der
wegweisenden Entscheidung über die neuen Top-Level-Domains bereits werden mitreden können.
Am 1. August hat Icann nun einen Teil der Bewerber für die bevorstehenden Wahlen aufgestellt. Für Europa wurden fünf der maximal sieben Personen ernannt, die pro Region kandidieren dürfen. Unter
ihnen befindet sich auch die Schweizerin Maria Livanos Cattaui, Generalsekretärin der Internationalen Handelskammer. Jeanette Hofmann, Internetexpertin und Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum
Berlin, zeigt sich über die Vorauswahl der Icann enttäuscht: «Keiner der Nominierten kann für sich in Anspruch nehmen, für die privaten Nutzer des Netzes zu sprechen.» Ihre Hoffnungen ruhen auf den
zwei verbleibenden freien Plätzen für die europäische Wahlliste. Diese werden jetzt an Personen vergeben, die sich in einem komplizierten Selbstnominierungsprozess ins Rennen um den
prestigeträchtigen Direktorenposten ge-bracht haben.
Das an sich lobenswerte Vorhaben des globalen Demokratieexperiments wird jedoch durch einen herben Schönheitsfehler getrübt: Die US-Regierung weigert sich entgegen ihren ursprünglichen
Verlautbarungen bis heute, die Verfügungsrechte über den A-Root-Server ganz an Icann zu delegieren. Solange dies aber nicht der Fall ist, steht die Internetorganisation auf wackeligen Beinen. Sind
nämlich die Politikstrategen in Washington mit der Arbeit von Icann nicht zufrieden, könnten sie jederzeit den Stecker ziehen. Aber dennoch: Das Wettrennen für die erste weltweite Wahl verspricht
spannend zu werden.