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Big Blue goes Pingu
IBM hat das Jahr 2001 zum Jahr des Pinguins erklärt. Dank einem Schulterschluss mit der Open-Source-Bewegung von Linux will Big Blue der Konkurrenz im Bereich Webserver das Wasser abgraben.
Kehrtwende bei IBM: Statt auf proprietäre Softwareplattformen setzt man plötzlich auf offene Quellcodes. Wie kein zweiter IT-Gigant hat sich IBM für das Jahr 2001 die Förderung des freien Betriebssystems Linux auf die Fahnen geschrieben. Den Schulterschluss mit dem Pinguin lässt sich Big Blue etwas kosten: Eine Milliarde Dollar will das Unternehmen dieses Jahr in die Linux-Entwicklung investieren. Das Ziel ist klar: IBM springt auf die Erfolgsschiene der Open-Source-Bewegung auf und will damit den Rückstand zu Konkurrenten wie Sun Microsystems oder Microsoft gutmachen.
Dass die Strategie mit dem Pinguin vor allem aus einer Notlage helfen soll, gibt man beim blauen Riesen natürlich nicht offen zu. Vielmehr gibt man sich umsichtig und gegenüber neuen Entwicklungen aufgeschlossen: «In dem Masse, wie der elektronische Geschäftsverkehr übers Internet an Bedeutung gewinnt, wird es für die einzelnen Anbieter und Kunden wichtiger, dass ihre EDV-Umgebungen problemlos interagieren können. Interoperabilität ist heute das höchste aller Dinge», triumphiert Adam Jollans, Software-Marketing-Manager bei IBM. Und verpasst der Konkurrenz auch gleich noch einen Seitenhieb: «Das Modell des Lock-in, also die Abhängigkeit des Kunden von einer proprietären Softwareplattform, wie das Microsoft oder Sun Microsystems mit ihren Betriebsystemen praktizieren, gehört der Vergangenheit an.»
Software muss heute kompatibel sein
Tatsächlich eröffnet Open-Source-Software wie etwa Linux ungeahnte Möglichkeiten. Linux funktioniert auf den unterschiedlichsten Hardwarearchitekturen, von Grossrechnern bis auf kleinen PDAs. Da das System nicht proprietär, also an eine Firma gebunden ist, muss beispielsweise ein Shopbetreiber auf dem Web nicht zwingend sein gesamtes EDV-System erneuern, wenn er auf höhere Serverleistung angewiesen ist. Er kann einfach die bestehende Softwarelösung auf einem stärkeren Rechner laufen lassen, auch wenn die Prozessarchitektur eine andere ist. Dies schafft bei den Anwendern Investitonssicherheit, was im schwierigen Umfeld der New Economy nicht unterschätzt werden darf.
«Im Gegensatz zu früher investieren Unternehmen heute zunehmend businessorientiert in ihre EDV-Ausstattung, das heisst, sie gewichten die Verfügbarkeit und Qualität spezifischer Softwareanwendungen höher als die zu Grunde liegende Hardware», erklärt Markus Grob, Manager und Projektleiter bei der Beratungsfirma Accenture.
Entsprechend will man bei IBM das Linux-System in absehbarer Zukunft auf der gesamten Hardwarepalette selbständig zum Laufen bringen oder über Schnittstellen unterstützen. Längerfristig dürfte Linux sogar die hauseigenen Betriebssysteme von Big Blue wie zum Beispiel das gescheiterte OS/2 für den PC, aber auch die erfolgreichere Serveroberfläche AIX ablösen.
Vorderhand forciert IBM Linux als Betriebssystem im Serverbereich - am liebsten gekoppelt an die eigene Hardware. Der Webserver ist dabei einer der Schwerpunkte. Linux ist gegenwärtig das am schnellsten wachsende Betriebssystem für Webserver. Es liegt im fundamentalen Interesse von IBM, dass Linux im Bereich der lukrativen Hochleistungsserver Fuss fassen kann, in dem der Erzrivale Sun Microsystems erfolgreich agiert.
Mit Linux soll eine einheitliche Betriebs- und Softwareplattform geschaffen werden, über die IBM in einem wachsenden Markt ihre Serverhardware und Softwareanwendungen verkaufen kann - beides lukrative Geschäftsbereiche mit hohen Margen. Vor allem auch deshalb, weil IBM zwar von der Open-Source-Bewegung profitiert - die eigenen Quellcodes jedoch mehrheitlich nicht freigibt.
Nicht ungelegen kommt IBM dabei, dass der Support- und Schulungsaufwand bei den potienziellen Linux-Kunden sehr hoch sein dürfte. Entsprechend will Big Blue in den nächsten vier Jahren allein in Europa über 200 Millionen Dollar in den Aufbau von eigenen Weiterbildungs- und Beratungsdiensten für Linux investieren.
«Es ist aber nicht so, dass nur IBM von der Open-Source-Gemeinschaft profitiert. In vielen Unternehmen gilt IBM nach wie vor als Qualitätssiegel. Indem sich IBM hinter Linux stellt, hilft der Konzern, den Einsatz von Linux auch in unternehmenskritischen Prozessen voranzutreiben», glaubt Markus Grob von Accenture.
Der Pinguin als Rückversicherung für die Grossen
Dass sich auch die Grossen der Open-Source-Bewegung nicht mehr verschliessen können, ist mittlerweile ein Fakt. Deshalb versuchen sie jetzt da und dort, ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Auch Sun ist kürzlich mit der Open-Source-Bewegung auf Tuchfühlung gegangen. Letzten September kaufte das Unternehmen die Firma Cobalt Networks, die einfache, Linux-basierte Serverlösungen anbietet. Ausserdem hat der Konzern den Quellcode des - bis dahin erfolglosen - Softwarepakets Staroffice offen gelegt.
IBM-Mann Adam Jollans ist jedoch überzeugt, dass der Konkurrent über keine kohärente Open-Source-Strategie verfügt: «Die Einverleibung von Cobalt Networks ist nicht mehr als eine Versicherungsstrategie, falls sich Linux durchsetzen sollte.» So gesehen könnte sich die Umarmung des Pingus durch IBM auch als Würgegriff erweisen.
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