PRINT Interview
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«Wir wollen die Weltbank in eine Wissensbank verwandeln»
Der Verantwortliche für das Knowledge-Sharing-Projekt der Weltbank, Stephen Denning, versucht über den internationalen Austausch von Wissen das angeschlagene Image der Weltbank aufzumöbeln.
Von Marc Holitscher (30.03.2001)
Stephen Denning ist für den Aufbau des Knowledge-Sharing-Projekts bei der Weltbank verantwortlich. Dort koordiniert er ebenfalls den Einsatz der Kommunikationsressourcen, die für seine Vision vom globalen Teilen des Wissens in der Entwicklungsarbeit notwendig sind. Seit Dezember letzten Jahres ist Denning ausserdem als Berater für das Entwicklungsprogramm der Uno sowie für Unternehmen aus dem Privatsektor tätig. Kürzlich veröffentlichte er ein Buch, in dem er die Bedeutung des Geschichtenerzählens für die einfache Kommunikation der Grundidee hinter dem Konzept des Knowledge-Sharings erläutert. (Stephen Denning, «The Springboard: How Storytelling Ignites Action in Knowledge-Era Organizations, Butterworth-Heinemann», Oxford, 2001.)
Stephen Denning, von Ihnen stammt der Satz: «In der Wissensökonomie besteht die Wahl zwischen dem Teilen des Wissens und dem Tod.» Worauf wollen Sie damit hinaus?
Wissen kann heute über die Informationstechnologien einfacher, billiger und mit mehr Menschen geteilt werden. Das ist auch für die Entwicklungsarbeit von grosser Bedeutung. Einrichtungen, welche die neuen Technologien zu ihrem Vorteil nutzen, vermindern die Überlebenschancen von Institutionen, die das nicht tun. Vor diesem Hintergrund muss sich jede Entwicklungsorganisation ? ob privat oder öffentlich ? neu erfinden, will sie nicht zu Grunde gehen.
Die Neuausrichtung der Weltbank auf das Wissensmanagement ist also eine Existenzfrage?
Bis zur Mitte der Neunzigerjahre waren wir vor allem eine internationale Kreditgeberorganisation. Unsere Mission wurde allerdings durch die vermehrt aktiven privaten Hilfswerke zunehmend unbedeutender. Ihre Unterstützung war insgesamt um ein Vielfaches höher als die der Weltbank, und ihre Konditionen waren erst noch günstiger.
Die Weltbank war also plötzlich nur noch eine unter vielen Entwicklungsorganisationen.
Richtig, und wir fragten uns, wie unsere Rolle in der Zukunft aussehen könnte? Gleichzeitig war innerhalb unserer Institution sehr viel Erfahrung darüber vorhanden, was in der Entwicklungsarbeit funktioniert und was nicht. Allerdings hatten wir nur einen begrenzten Überblick über unser tatsächliches Wissen. Wenn es mit Technologien wie dem Internet gelingen würde, das greifbare Knowhow gezielt zu vernetzen und effektiv nutzbar zu machen, dann könnten wir eine ziemlich aufregende Organisation werden, so die Vision. Unsere Strategie haben wir seither so angelegt, dass wir unser Wissen nicht nur intern, sondern auch mit Aussenstehenden teilen. Wir wollen die Weltbank in eine Wissensbank verwandeln. Wissen zu teilen hat für uns zunehmend die gleiche Priorität wie die finanzielle Unterstützung.
Wie muss man sich das Wissensmanagement der Weltbank in der Praxis vorstellen?
Lassen Sie mich dies mit der folgenden Geschichte illustrieren: In Pakistan wollte die Regierung ihre Autostrassen mit einer neuen Bauart ausbessern. Unser Mann vor Ort wurde kontaktiert und um Rat gefragt. Anstatt eine Kommission einzuberufen, die dann verschiedene Gutachten erstellt hätte, unterrichtete unser Mitarbeiter per E-Mail die in der Weltbank gebildete Gemeinschaft von Strassenbauexperten. Solche virtuellen Gemeinschaften existieren für die verschiedensten Themenbereiche und setzen sich sowohl aus Mitarbeitern wie auch aus externen Spezialisten zusammen. Schliesslich stellte sich heraus, dass die Verkehrsbehörden in Südafrika und in Neuseeland bereits Erfahrungen mit dieser Baumethode gesammelt hatten. Aus Argentinien meldete sich ein Mitarbeiter, der gerade über diese Problematik ein Buch schrieb. So konnten wir der pakistanischen Regierung in kürzester Zeit ein Dossier mit dem auf globaler Ebene zusammengetragenen Wissen zum Thema überreichen. Über unsere Website steht dieses Dossier seither jedermann zur Verfügung.
Welchen Anreiz hat der Einzelne, sein Wissen zu teilen?
Die meisten haben erkannt, dass man nichts verliert, wenn man das Knowhow teilt. Alle können gewinnen. Darum passiert das auch ziemlich spontan. Der Einzelne hat mehr davon, wenn er mit seinem Wissen den Menschen auf der ganzen Welt helfen kann, bessere Entscheidungen zu fällen. Vielleicht ist er ja auch einmal froh, wenn ihm jemand mit gutem Rat zur Seite steht.
Ist Selbstlosigkeit die alleinige Motivation, sein kostbares Wissen gratis zur Verfügung zu stellen?
Auch Begeisterung für das Thema gehört dazu. Wie gut das Wissen geteilt werden kann, hängt auch stark davon ab, wie gross das Vertrauen ist, das man sich gegenseitig entgegenbringt. Wenn es jemandem schlecht geht, dann geniert er sich nicht, seine Unwissenheit zu zeigen und offen eine Frage zu stellen.
Besteht auf Grund der ungleichen Zugangsmöglichkeiten zum Internet nicht die Gefahr, dass über die Weltbank vor allem westliches Wissen globalisiert wird?
Im dargestellten Fall von Pakistan waren es ja Südafrikaner und Argentinier, die Lösungsvorschläge beisteuerten. Dieses Beispiel illustriert auch, dass im Süden selbst grosses Wissen angesiedelt ist. Die Herausforderung besteht darin, lokale Gemeinschaften zu bilden, die untereinander vernetzt sind und das Wissen austauschen können. Wir brauchen nicht nur eine globale, sondern auch mexikanische, bolivianische und südafrikanische Wissensgesellschaften.
Setzt die Weltbank nicht auch deshalb auf die Wissensmanagement-Karte, um von ihrem Image als Hardlinerin im Bereich der Entwicklungsarbeit wegzukommen?
Andere Organisationen reden nur davon, sich den veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Auch an der Weltbank wurde lange kritisiert, sie sei gegen Veränderungen immun. Jetzt sind wir jedoch daran, uns anzupassen. Und sogar in der Privatwirtschaft werden wir inzwischen als Vorbild für eine erfolgreiche Wissensmanagement-Organisation angesehen.
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