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Open Source oder Freenet, das ist hier die Frage
Der Erfolg der Open-Source-Bewegung macht die Bosse der Software-Multis nervös. Zwar ist das hantieren mit offenem Quellcode noch immer die Domäne der Hacker, findige Startups experimentieren jedoch bereits mit kommerziellen Geschäftsmodellen.
Von Marc Holitscher (20.04.2001)
Die Open-Source-Bewegung ist keine blosse Modeerscheinung. Sie verkörpert einen späten Triumph der Hackerkultur, die in den Achtzigerjahren in den Laboratorien verschiedener Universitäten ihren ersten Höhepunkt erlebte. Damals wurden die Computer noch mehrheitlich mit fest vorinstallierter Software ausgeliefert, deren Quellcode standardmässig offen lag. Die Wissenschaftler passten ihn ihren individuellen Bedürfnissen an und gaben die Verbesserungen an andere Programmier weiter. Diese pulsierende «Wirtschaft des Teilens» brachte unter anderem auch das wegweisende, offene Übertragungsprotokoll TCP/IP hervor. Mit der Industrialisierung der Software und insbesondere dem Aufstieg von Microsoft war es mit dem kooperativen Teilen des Wissens vorbei.
Richard Stallman, damals Mitarbeiter am berühmten Artificial Intelligence Lab des Massachusetts Institute of Technology, nannte die neue Praxis der Quellcode-Abschottung «faschistisch». Seinem radikalen Naturell entsprechend schuf Stallman eine eigene Lizenz, die so genannte GNU General Public Licence (GNU GPL). Diese stellte sicher, dass sämtliche unter GNU-GPL-lizenzierte Software einschliessliche ihrer Derivate ebenso frei benutzt werden darf, wie die Computerprogramme der ersten Stunde. Damit legte Stallman das Fundament für die Freie-Software-Bewegung und machte sich gleich zu deren Übervater.
Eric Raymond, eloquenter Vertreter der Open-Source-Bewegung, erklärt das unterschiedliche Vorgehen bei der Softwareentwicklung mit den Metaphern der Kathedrale und dem Bazar: «In der Kathedrale der kommerziellen Softwareentwickler wird geheim und zentral gesteuert gearbeitet, wohingegen auf dem Bazar der freien Software jeder etwas beitragen kann und das Beste dann herausgepickt wird.» Dieser offene Austausch produziere innovativere und hochwertigere Softwareprodukte als die zentralistischen Konzerne.
Das Internet brachte schliesslich den Durchbruch der Open-Source-Bewegung. Mit einem Schlag war es den versprengten Entwicklern und Softwarehackern möglich, im grossen Stil zusammenzuarbeiten. Am effektivsten machte sich dies Linus Torvalds zunutze, der im Jahr 1991 aus Frustration über die Beschränktheit der verfügbaren Computerprogramme den quelloffenen Betriebssystemkern Linux programmierte. In Ermangelung von Software für seinen neuen Betriebskern griff der Pragmatiker Torvalds auf die frei verfügbare Software aus dem Fundus von Richard Stallmans GNU-Projekt zurück. Das freie Betriebssystem GNU/Linux war geboren.
Mit Open Source schneller und sicherer programmieren
Torvalds fungiert bei GNU/Linux als «gutmütiger Diktator», wobei er die besten Programmzeilen unter den aufmerksamen Augen der schnell wachsenden Entwicklergemeinde in die GNU/ Linux-Architektur integriert. Indem Torvalds die Nutzer seines Produkts zu Ko-Entwicklern machte, schuf er einen vollendeten Bazar im Sinne Raymonds: Das kollaborative Programmieren von tausenden von Hackern erlaubte es, schneller als bei der traditionellen Softwareentwicklung Fehler und Sicherheitslecks auszubügeln. Ausserdem erweiterte sich das GNU/Linux-Betriebssystem um Features, auf die Torvalds alleine nie gekommen wäre. Alles Vorteile, die immer wieder als schlagende Argumente für die Open Source angeführt werden und nicht zuletzt den Siegeszug von GNU/Linux begünstigt haben. Vor dem Hintergrund dieser Innovationsdynamik muten Unkenrufe aus dem Hause Microsoft, freie Software biete keinen Mehrwert, oder die Warnungen der Investmentbank Merrill Lynch, Open Source sei eine zerstörerische Technologie, fast schon hilflos an.
Davon gänzlich unbeeindruckt stellt der Zürcher Startup Wyona unter der Leitung von Michael Wechner sein Geschäftsmodell ganz auf die Open-Source-Ideologie ab. Die von Wechner in Gemeinschaftsarbeit entwickelte Content-Management-Software XPS (Extensible Publishing System) basiert auf offenen Standards. Mit der «Neuen Zürcher Zeitung» ist es der Wyona AG gelungen, einen Medienkonzern von den Vorzügen ihres quelloffenen Contentsystems zu überzeugen. Seit Oktober 2000 basiert NZZ-Online auf XPS. Als schlagkräftige Argumente haben sich dabei die Lizenzfreiheit für die Software und ihre Updates sowie die mögliche Unabhängigkeit durch ein offenes System erwiesen.
Damit lässt sich für die NZZ ein so genannter Lock-in vermeiden, also die Abhängigkeit des Kunden vom Anbieter der Softwarelösung, die bei proprietären Lösungen viel eher möglich ist. Geld verdienen kann Wyona nur mit Integration, Schulung, Beratung und speziell angefertigten Komponenten. «Bei anderen Interessenten wie zum Beispiel der Bank Vontobel sind wir aber weniger erfolgreich gewesen. Viele Entscheidungsträger besitzen zu wenig Charakter, ihre finanziellen Ressourcen in ein Projekt zu stecken, von dem die Konkurrenz beinahe gleich viel haben könnte wie das eigene Unternehmen», sagt Michael Wechner. Entsprechend der Open-Source-Philosophie kann jedermann den Quellcode des Programms von der Homepage der Firma runterladen, beliebig modifizieren und für den eigenen Gebrauch einsetzen. Von der freien Verfügbarkeit des Codes erhofft sich Wechner jedoch in erster Linie einen anderen Effekt: In absehbarer Zeit möchte er sich mehr um den Aufbau einer eigentlichen Entwicklergemeinschaft kümmern, die dann Input für die weitere Ausgestaltung der Software erarbeiten kann.
Das Gnu will dem Pinguin die Flötentöne beibringen
Richard Stallman, Gründer der Free Software Foundation, ist Hacker, Philosoph und politischer Überzeugungstäter. Dreizehn Jahre lang arbeitete er nicht nur in seinem Büro am renommierten Massachusetts Institute of Technology, sondern wohnte auch gleich dort. Geld und Luxus waren ihm noch nie wichtig. In seinem Büroparadies konnte er sich Tag und Nacht seiner Lieblingsbeschäftigung hingeben, dem Programmieren von Software, wie zum Beispiel dem legendären Texteditor Emacs. Mit dem Aufkommen der kommerziellen Computeranwendungen hatte das Böse in der Welt für Stallman aber plötzlich ein Gesicht: Proprietäre Software, die ihren Quellcode nicht offen legte und weder Kopien noch Modifikationen erlaubte. Entsprechend widmet sich der Hacker seit 1984 mit geradezu missionarischem Eifer seinem Ziel, ein Betriebssystem namens GNU zu entwickeln, eine von einschränkenden Lizenzen freie Alternative zu Unix. GNU steht dabei als viel sagende Abkürzung für «GNU?s Not Unix».
Stallmans Forderung nach freier Software ist aber nicht gleichzusetzen mit der Forderung nach kostenloser Software, im Gegenteil. Für Distribution, Support oder die spezifische Erweiterung von freier Software darf sehr wohl auch Geld verlangt werden. «Denken Sie an ?frei? im Sinne von freier Meinungsäusserung, nicht wie Freibier», sagt Stallman. Von seinem GNU-Projekt leitet der esoterisch angehauchte Computerguru denn auch die Forderung nach einer gleichberechtigten Gesellschaft ohne Softwarepatente oder Kopierschutz ab. Die Transparenz der Funktionen einer Softwareanwendung, die nur der offen verfügbare Quellcode ermöglicht, hat für Stallman philosophische Bedeutung. Denn bei einer geschlossenen Software könne heute zum Beispiel niemand wissen, wie viele Informationen ein Programm über den Anwender an die Herstellerfirma schicke. «Die User dürfen nicht zu Gefangenen ihrer Software werden», so Stallman.
Um sicherzustellen, dass freie Software niemals in den Sog der proprietären Anwendungen gerät, entwickelte der 49-jährige Hacker eine spezielle Lizenz, welche die Weitergabe und Weiterentwicklung der freien Software regelt: Die zentrale Idee hinter der GNU General Public License (GNU GPL) ist, dass jeder ein Programm laufen lassen, kopieren, modifizieren und die geänderten Versionen auch vertreiben darf ? allerdings nur, wenn er den Code ebenfalls freigibt. Stallman hat dieses Prinzip auch als Copyleft bezeichnet, da der Hinweis auf den Urheber zwar erhalten bleibt, sich daraus aber keine Eigentumsansprüche ableiten lassen. Die GNU GPL legte damit den Grundstein für die Open-Source-Definition.
Wirft der Open-Source-Bewegung Pragmatismus vor
Trotz der vielen inhaltlichen Überschneidungen ist das Verhältnis von Stallman zur Open-Source-Bewegung gespalten. Seiner Ansicht nach haben sich die Verfechter der Open-Source-Bewegung, darunter auch ehemalige Mitstreiter wie Eric Raymond, ein zu pragmatisches Verhältnis zur Bedeutung der quelloffenen Software entwickelt. Ihnen gehe es nicht mehr um die Philosophie oder politischen Ziele, sondern nurmehr darum, möglichst viele Nutzer anzuziehen. Tatsächlich macht die Open-Source-Definition im Gegensatz zur GNU GPL verschiedene Lizenzformen möglich, die den Urhebern eines Open-Source-Projektes weit gehende Kontrolle über ihr Produkt gewähren. So erfüllt zum Beispiel die Netscape Public License (NPL) die Bedingungen für Open Source, erlaubt dem Entwicklerteam aber jederzeit von der Gemeinschaft eingebrachte Änderungen auch in kommerzielle Produkte zu implementieren. Die Open-Source-Anhänger werfen Stallman vor, mit seinem missionarischen Auftreten kommerzielle Investoren abzuschrecken, erwecke er doch den Eindruck, ein kommunistischer Eiferer zu sein. «Mir geht es um die Befreiung der Welt, nicht um die Weltbeherrschung», kontert Stallman mit einem Seitenhieb an die Linux-Gemeinde.
Am meisten zu beissen hat Stallman nämlich an der Tatsache, dass heute die überwältigende Mehrheit der Anwender von Linux spricht, aber korrekterweise doch eigentlich GNU/Linux sagen sollte. Unrecht hat er dabei nicht: Als Linus Torvalds seinen Softwarekern Linux programmierte, fehlten ihm dafür die Anwendungen. Dabei bot ihm das GNU-Projekt ein praktisch komplettes Betriebssystem, dem einzig der Kern fehlte. Kurzerhand integrierte Torvalds seinen Kernel in das GNU-Betriebssystem, im Sinn der freien Software und GNU GPL ein anstandsloses Vorgehen. Doch im ganzen Hype um Linux ging vergessen, dass der grösste Teil des Pakets aus GNU-Komponenten besteht, und Stallman blieb die Anerkennung verwehrt. Schlimmer noch, in den Augen Stallmans hat sich Linus Torvalds als zutiefst apolitischer Mensch erwiesen. Indem die politischen Motive vergessen gingen, sei der Fortbestand des Projektes gefährdet, wettert Stallman verbittert, der nun nimmermüde predigt: «Das System ist GNU, und Linux ist einer seiner Kernel.»
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