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Das Internet war machbar - Frau Nachbar!

Durch die ungebremste Kommerzialisierung des Webs sehen viele Nutzer ihre Freiräume bedroht. Damit könnte es auch um das Innovationspotenzial im Netz bald geschehen sein. Aber die Nutzerbasis ist gut organisiert und weiss sich zu helfen.

Von Marc Holitscher (01.03.2001)

Das Internet ist das Werk von Hackern. Überrascht? Angesichts der in den Medien meist negativ beladenen Verwendung des Hackerbegriffs wäre dies nicht erstaunlich. Mit seiner ursprünglichen Bedeutung haben die gängigen Schwarzmalereien allerdings wenig zu tun. Als Hacker wurden einst die für Aussenstehende nur schwer fassbaren Tüftler bezeichnet, die sich aus purem Spieltrieb oder aus fanatischer Neugier mit den Feinheiten und möglichen Anwendungsformen neuer Computertechnologien beschäftigten. Die Berufung des Hackers bestand darin, «guten Code zu schreiben», also möglichst elegant Software zu programmieren. Gezielt Schaden anzurichten oder seine Fähigkeiten zur eigenen Bereicherung einzusetzen verbot ihm die so genannte Hackerethik, an der sich auch gegenwärtig noch viele Vertreter des Genres orientieren. Gegenüber den böswilligen Crackern, die sich in erster Linie der Softwarepiraterie und dem Knacken von Kopierschutzvorrichtungen verschrieben haben, waren die Hacker seit jeher um Abgrenzung bemüht.
Und exakt diese frühen «Computerzauberer» waren es, die ab den Sechzigerjahren mit ihrer Entwicklungsarbeit an verschiedenen Forschungszentren den Grundstein für das Internet legten. Ihre stark von der damaligen Hippie-Bewegung beeinflusste Weltanschauung schlug sich nicht zuletzt in den Normen nieder, welche das Netz der Netze bis heute prägen. Dazu gehören in erster Linie das grundsätzliche Misstrauen gegenüber Obrigkeiten jeder Art, der freie Datenfluss sowie Transparenz und Offenheit in der Entscheidungsfindung. Das Selbstbild der Hackerkultur widerspiegelt sich denn auch im bekannten Ausspruch des Netzgurus David Clarke: «Wir lehnen Könige, Präsidenten und Wahlen ab, wir glauben an den breiten Konsens und an die sich verbessernde Software.»
Der folgenschwerste Bruch mit traditionellen Kommunikationsnetzen wie Telefon oder Radio wurde beim Internet jedoch bezüglich seiner Architektur vollzogen. Der Auf- und Ausbau des Cyberspace erfolgte komplett dezentral. Es gab keine vorgelagerte Planungsbehörde, vielmehr erlaubten die offenen Internetstandards wie TCP/IP (das wichtigste Übertragungs- und Verbindungsprotokoll) von Beginn weg, dass die unterschiedlichsten Netzwerke miteinander kommunizieren konnten. Die treibende Idee bestand darin, dass der Gesamtnetzverbund auch nach dem Ausfall einzelner Teile weiter funktionieren würde. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges ein durchaus pragmatisches Motiv.
«Auf dem Netz weiss niemand, dass Sie ein Hund sind»
Für die Hacker war aber ein anderer Nebeneffekt dieses horizontalen Designs viel entscheidender: Das vollständige Fehlen einer zentralen Kontrollstelle führte dazu, dass die Internetnutzer nicht durch das Netzwerk diskriminiert werden konnten. Oder andersrum gesagt: Auf dem Internet hatte der einzelne Nutzer die volle Entscheidungsmacht darüber, was er tun und lassen oder wie viel er von sich preisgeben wollte. Bei den herkömmlichen Telekommunikationssystemen war - und ist - dies nicht möglich, da allein ihre Betreiber die Aufsichtsfunktionen innehaben. Bei Napster zum Beispiel ist die Regulierung des illegalen Handels mit MP3-Files nur möglich, weil die Daten der Nutzer auf einem zentralen Serversystem gespeichert sind. Gnutella und Freenet vermeiden diese Zentralisierung, indem sie die Daten über das ganze Netz verteilen und damit dem Anwender weitgehende Autonomie garantieren. Und in den Augen der Internetpioniere bürgen gerade diese Formen der offenen Architektur für wichtige Prinzipien wie Redefreiheit, Anonymität und Schutz der Privatsphäre. Um es wiederum in den Worten der Hackerbewegung zu sagen: «Das Internet interpretiert Zensur als Fehler und umgeht sie», und: «Auf dem Internet weiss niemand, dass Sie ein Hund sind.»
Viele Beobachter machen im Nachhinein genau diesen Mix aus Offenheit, Transparenz und Individualismus für das beispiellose Innovationspotenzial des Internets verantwortlich. So ist zum Beispiel Larry Lessig, Professor für Internetrecht an der Stanford University, davon überzeugt, dass eben diese «Architektur der Freiheit» eine Kontrolle über neue Ideen und Entwicklungen auf dem Internet verhindert habe. Jeder konnte von heute auf morgen eine Geschäftsidee entwickeln, verwirklichen und auch kopieren - mit einer guten Chance, dabei gross herauszukommen. Die Entwicklung des kommerziellen Internets habe demonstriert, dass in der Regel Innovation gerade aus dem liberalen Geiste des Netzes entstanden und kein zusätzlicher Anreiz nötig gewesen sei.
Doch diesen liberalen Geist sehen jetzt viele Hacker und Bürgerrechtsorganisationen durch die ungebremste Kommerzialisierung des Netzes bedroht. Ihrer Ansicht nach verunmöglichen nämlich grosse Softwarefirmen wie Microsoft oder Inhaltsanbieter wie AOL die Weiterentwicklung des Cyberspace, indem sie den freien Austausch von Ideen systematisch unterbinden. Ausserdem würden diese Konzerne die Architektur des Internets gezielt so zu verändern versuchen, dass sie mehr Kontrolle über die Endbenutzer ermögliche. Ausgeklügelte Authentifizierungsprogramme, Zertifikate und Cookies, wie sie bei E-Commerce-Anbietern Standard sind, bedeuteten erst den Anfang vom Ende der Privatsphäre auf dem Internet. Aber damit nicht genug: In den Augen vieler Hacker - und ihrer Sympathisanten - haben die etablierten Internet- und Softwarefirmen einen willkommenen Verbündeten in der bestehenden Gesetzgebung gefunden.
Dabei gebe ihnen die dehnbare Auslegung des Copyright-Begriffs ein schlagendes Instrument zur Durchsetzung ihrer ausufernden Ansprüche in die Hand. Der Cyberjurist Lessig sieht das zentrale Element der rechtlichen Interpretation des Copyrights dagegen im Prinzip des «fairen Gebrauchs»: Das Copyright soll die Verfügungsrechte der Produzenten über ihre Arbeit soweit gegen Missbrauch schützen, dass sie weiterhin genügend Anreize haben, kreativ tätig zu sein. Allerdings bedeute «fairer Gebrauch» auch, dass die Gesellschaft als Ganzes ein Recht darauf habe, von den Innovationen einzelner ihrer Mitglieder profitieren zu dürfen. Und genau diese Balance zwischen Inhaltsproduzenten, Inhaltsvermittlern und Nutzern sei im Zuge der Kommerzialisierung des Internets aus den Fugen geraten. «Wenn wir nicht vorsichtig sind, dann werden wir bald in einem Raum perfekter Kontrolle aufwachen, der von den 'Ansprüchen der Alten Welt' bestimmt sowie von grossen, bürokratischen und langweiligen Firmen beherrscht wird», sagt Lessig.
Das Verändern von Quellcodes war die Norm
Das aussagekräftigste Beispiel für die organisierte Innovationsblockade durch die Konzerne wollen die Hacker in der Monopolisierung, Abschirmung und Ausbeutung von Wissen in Form der geschlossenen Software erkannt haben. Obwohl heutzutage für viele Anwender der Normalfall, ist die geschlossene Software ein junges Phänomen. Früher wurden die meisten Computer und Server mit bereits vorinstallierten Programmen ausgeliefert, deren Quellcodes frei kopiert oder verändert werden durften. Erst mit dem Aufstieg von Firmen wie Microsoft und ihren profitorientierten Geschäftsmodellen wurde der Code einer Softwareanwendung zu einem wertvollen Gut und entsprechend geschützt. Von diesem Moment an hatten die Anwender keine Möglichkeit mehr, einzelne Programmeigenschaften abzuschalten oder nicht vom Betriebssystem auf den Gebrauch eines bestimmten Browsers festgelegt zu werden. Die Gegenreaktion der Internetfundis materialisiert sich jetzt zunehmend in der «freien Software»- oder «Open Source»-Bewegung.
Dabei kommt dem Betriebssystem Linux oder der freien Version der Serverapplikation Appache eine Vorreiterrolle zu, stellen sie doch inzwischen die Marktstellung gestandener Grossfirmen, wie zum Beispiel Microsoft, in Frage. Nach Ansicht eines Schweizer Hackers liegt ein entscheidender Vorteil der freien Software darin, dass «Heerscharen von Programmierern aus eigenem Antrieb zur konstanten Verbesserung der Applikationen beitragen». Softwareeigenschaften, die von der breiten Nutzerschaft nicht gewünscht würden, hätten somit keine Chance, sich durchzusetzen. Auch für Larry Lessig liegt der Erfolg der Open-Source-Bewegung auf der Hand: Hier würden wieder die altbewährten Grundsätze der frühen Internettage im Vordergund stehen, also Transparenz und Offenheit eine zentrale Rolle spielen. «Offener Quellcode», so die Botschaft von Lessig, sei daher «als Test der Macht der Regierungen und der Copyright-Industrie» zu begrüssen, weil er es leichter mache, nicht gewünschte Regulierungen zu umgehen.
Es versteht sich von selbst, dass die Chefs der Softwaregiganten diese Argumente gar nicht lustig finden. Erst kürzlich hat Microsoft-Windows-Boss Jim Allchin öffentlich moniert, dass Open Source jegliche Innovation ersticke und geistiges Eigentum zerstöre. Wer diesen Kampf der Kulturen für sich entscheiden kann, wird - wie so oft - nur die Geschichte zeigen.
Freie Software, das GNU-Projekt und die General Public License (GPL)
Die Bezeichnung «freie Software» bedeutet nicht, dass diese Programme gratis sind oder dafür kein Geld verlangt werden darf. Hiermit ist vielmehr die weit gehende Freiheit für den Benutzer gemeint, die Software nach Belieben anzuwenden, sie zu verändern oder angefertigte Kopien weiterzugeben. Die Wurzeln dieser Bewegung gehen auf das GNU-Projekt (GNU?s not Unix!) von Richard Stallman zurück. Als Gegenreaktion auf die rasante Kommerzialisierung des Softwaresektors setzt sich Stallman seit den Achtzigerjahren für die Verbreitung offener Programme und Betriebssysteme ein. Ein zentraler Bestandteil des GNU-Projekts ist die General Public Licence (GPL): Sie überantwortet dem Anwender das Recht, den Quellcode einer unter dem GPL vertriebenen Applikation einzusehen, die Software entsprechend weiterzuentwickeln oder Teile davon in neuen Programmen zu verwenden. Daher auch das Modewort Open-Source-Software. Um sicherzustellen, dass niemand die freie Software zu seiner eigenen Bereicherung einsetzt und so das vorhandene Wissen monopolisiert, unterliegt die GPL einem so genannten Copyleft. Damit wird jeder Programmierer von freier Software verpflichtet, seine Änderungen und Neuerungen am Code einer Anwendung wieder der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Geld für freie Applikationen darf sehr wohl zur Deckung der Distributionskosten, für das Verfassen allfälliger Benutzerhandbücher oder für Supportangebote verlangt werden.
Die selbst ernannten Privatwirtschaftsschützer der EFF
Die Electronic Frontier Foundation (EFF) ist eine Bürgerrechtsorganisation mit Hauptsitz in den USA. Sie hat sich dem Schutz der Privatsphäre und des Rechts auf freie Meinungsäusserung in der entstehenden Informationsgesellschaft verschrieben. Gegründet wurde die EFF im Jahre 1990. Seither zählen zu ihren Mitgliedern so schillernde Figuren wie John Berry Barlow (Verfasser der Unabhängigkeitserklärung für den Cyberspace), Jon Gilmore (Kryptografie-Guru der ersten Stunde) oder Esther Dyson (ehemalige Vorsitzende der International Corporation for Assigned Names and Numbers, Icann). Obwohl diese selbst erklärten Cyberlibertarians inzwischen mit dem Netz ein Vermögen gemacht haben, wollen sie dennoch die Interessen der Netzbürger gegen eine übermässige Kontrolle durch den Staat vertreten. Entlarvend ist denn auch ihre zentrale Forderung, dass sich die Regierungen vom Cyberspace fern halten und dem Privatsektor bei der Erarbeitung von Internetstandards freie Hand lassen sollen. Stellt sich die Frage, ob die Privatsphäre der Nutzer in den Händen der EFF wirklich besser aufgehoben wäre. Dies dürfte angesichts des verstärkten Einsatzes von ausgeklügelten Authentifizierungstechniken im Zuge der E-Kommerzialisierung doch eher zweifelhaft sein.
Die zukunftsweisende Dimension von Gnutella und Freenet
«Gnutella und Freenet sind faszinierende Erfindungen im besten Geiste der Internetpioniere.» In den Ohren der Urheberrechtsschützer dürften die Worte von Andy Oram, Bürgerrechtler im Dienste der Computer Professionals for Social Responsibility (CPSR), blanker Hohn sein. Gnutella und Freenet sind wie Napster darauf angelegt, den Benutzern das Teilen und Tauschen von Dokumenten jeder Art übers Internet zu erleichtern. Allerdings sind beide Anwendungen um einiges ausgefeilter als Napster: Sie benötigen keinen zentralen Server, und im Falle von Freenet ist den Anwendern sogar totale Anonymität gewährt.
Aber Andy Oram plädiert nicht etwa für einen Persilschein für Softwarepiraten. Vielmehr geht er davon aus, dass Technologie an sich neutral ist: Ob mit einer Anwendung illegal MP3 getauscht oder über Bibliotheken legal Textdokumente zugänglich gemacht würden, sei keine Frage der Technik. Trotz der Kriminalisierung von Napster und Co. dürfe man aber nicht die grossen Vorteile übersehen, die diese Applikationen für das Wachsen des Internets bieten würden. So könnte zum Beispiel die Funktionsweise von Gnutella den Grundstein für Suchmaschinen legen, die auch dynamische Webistes zu erfassen in der Lage sind. Dass in der frühen Anwendungsphase viel Unfug mit den Filesharing-Programmen getrieben wird, überrascht Oram nicht: Chat oder interaktives Video wurden zu Beginn auch vor allem für die Verbreitung von pornografischem Material eingesetzt. Heute sind beides viel benutzte, legale Dienste.
Die Internet Telecommunications Union (ITU) versuchte jahrelang zu verhindern, dass sich TCP/IP, das offene Kommunikationsprotokoll des Internets, durchsetzen konnte. Die ITU hatte mit OSI einen eigenen Standard entwickelt, dessen Benutzung sie den Nutzern verordnen wollte. Das hat nicht geklappt, und heute sind wir froh darum, sonst würde das Internet in der bekannten Form nicht existieren. Gnutella und Freenet öffnen jetzt eine weitere Tür im Cyberspace, und niemand weiss, was dahinter steckt.
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