PRINT Interview
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«Hacken ist wichtig für die Gesellschaft»
Chaos-Club-Veteran Wau Holland über die Entwicklung der Hacker von PC-Knackern zu Vorkämpfern für Meinungsfreiheit, über die Furcht vor einer Zersplitterung des Webs, und den soliden Davoser Hack.
Von Marc Holitscher (01.03.2001)
Wau Holland, seit wann sind Sie ein Hacker?
Ich bin mit dem Telefon und seinen Möglichkeiten gross geworden. Das Telefon war ja auch das erste, wirklich weltumspannende Netzwerk. Zum Beispiel haben wir damit experimentiert, wie man von der Bundesrepublik aus eine Telefonverbindung in die DDR herstellen konnte, bevor es die Selbstwahl dorthin gab. Dazu wählte man sich via Österreich durch verschiedene Ostblockländer. Das war aber nur möglich, weil die entsprechenden Netzwerkübergänge noch unzureichend verriegelt waren.
Ein Hacker ist also auf der Suche nach Wegen, um bestehende Einschränkungen von Technologien zu umgehen?
Also umgehen will ein Hacker die Einschränkungen nicht. Er will den Zusatznutzen rauskitzeln, den bestimmte Geräte und Anwendungen bieten könnten, aber nicht standardmässig offen liegen. Darin besteht auch die kreative Leistung des Hackens.
Kommen Sie dabei nicht laufend mit dem Gesetzt in Konflikt?
Nehmen wir das Beispiel Modem: Früher war es verboten, ans eigene Telefon ein Verlängerungskabel anzuschliessen, und die Modemnutzung war kriminell, wenn man US-Modems benutzte. Amerikanische Autos durften zwar auf deutschen Autobahnen fahren, aber auf Anschluss von US-Modems ans deutsche Telefonnetz standen fünf Jahre Gefängnis. Ich habs trotzdem getan. Meine Rechtsauffassung hat sich insofern bestätigt, als das entsprechende Verbot rückwirkend für nichtig erklärt wurde. Insofern ist ein vorausschauender Umgang mit Gesetzen und nicht ein starres Einhalten von Paragrafen angebracht.
Ist auch Napster seiner Zeit voraus?
In Bezug auf ihre übertriebene Auslegung des Copyright-Schutzes haben die Richter die Bedeutung des Internets für die Musikbranche nicht begriffen. Der Nachteil von Napster lässt sich auf einen ideologischen Fehler zurückführen: Das System basierte auf einem zentralen Server und orientierte sich damit an der alten Gesellschaftsform der Hierarchie. Und diese hat sich jetzt gegen ihre Erbauer, die Erfinder von Napster, verkehrt. Die neuen Lösungen wie Gnutella oder Freenet funktionieren alle ohne zentralen Server. Ganz nach dem Motto: «Graswurzeln kann man nicht killen.»
Auch im Softwarebereich werden die Bestrebungen für einen besseren Kopierschutz verstärkt.
In dem Moment, in dem man sich bemüht, freie oder Open-Source-Software zu verwenden, sind die Probleme so nicht da.
Kürzlich war zu lesen, dass sich das Selbstverständnis des Chaos Computer Clubs geändert habe, nämlich dass das gezielte Hacken nur noch zweitrangig sei und es vermehrt um gesellschaftspolitische Technikfolgenabschätzung gehe.
Ich sehe das schon länger so: Soziales Hacken ist ein viel wichtigerer und die Gesellschaft stärker berührender Punkt, als eine PC-Kiste zu knacken. Neugier ist ein zentrales Motiv, das Interesse daran, wie der Kram funktioniert. Und da ist eine Gesellschaft als ein grosses Netzwerk doch viel interessanter als so eine Kiste.
Uneingeschränkte Meinungsfreiheit ist für die Hackerzunft ein zentrales Anliegen. Wie weit sollte dieses Recht gehen?
Ich trete zum Beispiel dafür ein, dass auch Nazis ihre Ansichten auf dem Internet frei kundtun dürfen. Man kann die Kinder nicht erziehen, wenn man sie von der Realität abschirmt. Viel wichtiger ist, dass sie von den Älteren gebührend betreut und begleitet werden. Dann verstehen und lernen sie von selber, was gut und was schlecht ist.
Was halten Sie vom Hack auf das World Economic Forum in Davos?
Die Vorstellung, dass in Davos über Jahre hinweg sensible Daten von vielen Leuten gehortet wurden und praktisch ungeschützt herumlagen, ist absurd. So gesehen war dies ein solider Hack. Vor allem auch, weil die Hacker mit der Veröffentlichung ihrer Aktion demonstriert haben, dass sie sich mit den erhaltenen Daten nicht bereichern wollen.
Cracker, also Personen, die auf böswilliges Zerstören von Computersystemen aus sind, werden ja häufig mit den Hackern in einen Topf geworfen. Inwiefern distanzieren Sie sich von dieser Gruppe?
Ich habe zum Begriff «distanzieren» ein distanziertes Verhältnis. Kindliche Neugier und der Spieltrieb sind elementare Kräfte. Und wenn man daraus etwas Kreatives destillieren kann, dann ist das ein sozialer Erfolg. Gibt man einem Kind einen Hammer, dann geht natürlich auch einiges kaputt. Die Kombination von Hammer und Legosteinen ist dann schon konstruktiver. Wichtig ist ein Bewusstsein dafür, dass es Mühe macht, etwas zu konstruieren.
Sie verurteilen die zerstörerischen Cracker also nicht?
Cracker sind einfach destruktive Kräfte. Das hat aber viel mit dem sozialen Umfeld zu tun. Wenn Sie in einer Kultur aufwachsen, wo der mit den dicksten Fäusten gefördert wird, dann kommt da auch so ein Mist raus. Dann ist selbstverständlich der Betreffende - je nach seiner Reife - dafür verantwortlich.
Was ist Ihre grösste Befürchtung für die Zukunft des Internets?
Meine Furcht war von Anfang an die Zersplitterung des Internets in viele Netze mit verschiedenen Eigenarten. Was AOL anbietet, ist nicht Internet, sondern irgendwie ein Kastrat davon. Sieht man sich die Marktkraft des Unternehmens an, dann ist ein bedeutender Teil der Menschheit - auch der entwickelten Menschheit - aus dem wirklichen Internet ausgeschlossen. Es ist ebenso wichtig wie schwierig, den Menschen zu erklären, worauf sie verzichten, wenn sie AOL haben.
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