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Icann: Im Dienste der Markführer



Von Marc Holitscher (09.11.2000)

Als die US-Regierung Anfang 1998 verkündete, dass sie das Internet ganz der Obhut der weltweiten Nutzerschaft anvertrauen wolle, war die Begeisterung gross. Selbstregulierung des Privatsektors als Schlagwort hörte sich viel versprechend an. Es beflügelte nicht nur die Fantasie der nach Unabhängigkeit strebenden Internetaktivisten, sondern traf auch voll ins Herz einer neoliberalen Grundsätzen verpflichteten Wirtschaft.
Knapp drei Jahre später ist von der idealistischen Aufbruchstimmung der frühen Tage nichts mehr zu spüren. Die Retortenorganisation Icann wird zusehends zu einem elitären Regulierungsklub, der für demokratische Grundsätze wie Transparenz, Repräsentation und Gewaltenkontrolle wenig übrig hat. Zugegeben, das sind hehre Prinzipien, an denen manche internationale Organisation ebenfalls scheitern würde. Das Problem ist aber, dass sich Icann selbst immer wieder auf ebendiese Maximen beruft und damit die Erwartungshaltung der Netzbürger beständig hochschraubt. Aussagen wie die von Esther Dyson, dass demokratische Wahlen «objektiv dumme Leute» ins Direktorium hieven könnten, muten vor diesem Hintergrund beinahe schon beängstigend an. Inzwischen zweifelt denn auch fast niemand mehr daran, dass einige wenige, gut organisierte und finanzkräftige Insidergruppen den Icann-Prozess für sich vereinnahmt haben.
Die Spitzenplätze teilen sich die Lobby der Markeninteressen, der Dotcom-Monopolist Network Solutions und grosse Konzerne wie MCI Worldcom oder IBM. Sie alle verfügen entweder über dominierende Stellungen in einer der drei Icann-Fachorganisationen oder haben direkte Agenten im Direktorium sitzen. Vint Cerf, seines Zeichens Vizepräsident von MCI Worldcom, wird vermutlich sogar die Nachfolge von Esther Dyson als Vorsitzender von Icann übernehmen.
Einen wichtigen Einblick in die Funktionsweise der Webbehörde wird die Einführung von neuen Top-Level-Domains bieten: Sollte tatsächlich die unheilige Afilias-Allianz zwischen den Markeninteressen, Network Solutions und anderen Marktführern abräumen, so würde Icann noch den letzten Funken an Glaubwürdigkeit verspielen.
Anzeichen dafür, dass sich der Widerstand gegen die anmassende Vorgehensweise von Icann rührt, gibt es viele. So wollen am nächsten Icann-Treffen in Los Angeles Vertreter der so genannten Internetgemeinschaft mit den fünf von ihnen gewählten Direktoren beraten, wie man Icann konstruktiv reformieren könnte. Ins Visier nehmen wollen sie den Umstand, dass vier ursprüngliche Direktoren in selbstherrlicher Manier ihre Mandate um zwei Jahre verlängert haben - ein Vorgehen das unangenehm an diktatorische Verhältnisse erinnert.
Dass es aber auch anders geht, hat der designierte Icann-Direktor für Europa, Andy Müller-Maguhn, demonstriert: In seiner viel beachteten Regierungserklärung wetterte er nach allen Formen der Kunst gegen die «Übermacht des Kommerzes und der Krawattis». Diesbezüglich ist Icann in der Normalität angekommen, und wir dürfen uns noch auf viele Schlammschlachten gefasst machen.
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